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Bei der Post in Schwerin

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Ein Kapitel aus Band 10 

in der Buchreihe "Zeitzeugen des Alltags"

Bei der Post in Schwerin

Ein Kapitel aus Band 10

in der Buchreihe "Zeitzeugen des Alltags"

 

-  ganz persönliche Erinnerungen an das Werden und Wirken eines Diakons


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Bei der Post in Schwerin

schwerinkleinwappen.jpg   

Nach der Schulentlassung 1950 besorgt mein Vater mir einen Ausbildungsplatz in Schwerin bei der Deutschen Post, wo ich eine zweijährige Lehre im Postdienst absolviere.

Hauptpostamt postsn2.jpg Schwerin (Meckl)

Am Sonntag, dem 1. Oktober 1950, notiere ich im Tagebuch:

„Nachdem ich am Morgen aufgestanden bin und mich fertiggemacht hatte, ging ich zum Posaunenblasen.  Eifriges Üben ermöglichte es mir, heute zum ersten Male in der Öffentlichkeit mitzuspielen.  Um 9 Uhr bliesen wir vom Kirchturm. 

Kirche in Grevesmühlen

grevesmkircheturmklein.jpg

Langsam stiegen wir die Stufen zum Turm bis zum Glockenboden hinauf und nahmen unter der Glocke Aufstellung.  Der Wind wehte durch die offenen Schallluken hindurch.  Vor dem Blasen reichten wir uns, Herr Kuschfeld, Herr Gottschalk, Hans und ich, im Kreis die Hände und beteten miteinander.  Wir bliesen die Choräle „Nun danket alle Gott“ und „Nun danket all und bringet Ehr“.  Um 10 Uhr nahm ich am Gottesdienst teil, den Propst Münster hielt. - In aller Eile wurde Mittag gegessen und für die Fahrt nach Schwerin gerüstet.  Heute soll ich mich beim Heimleiter des Lehrlingsheimes in Schwerin-Görries melden, um dann morgen die Arbeit als Postlehrling in Schwerin aufzunehmen.  In Schwerin auf dem Bahnhof traf ich „Ngandi“.  Er machte bei der Bahnhofsmission Dienst.  Von ihm erfuhr ich, dass heute Abend um 19 Uhr Monatsrüste sei.  Ich fuhr weiter nach Görries, suchte das Lehrlingsheim auf, legte meine Sachen ab und ging nach Schwerin zurück, wo ich Peter Erdmann („Pepo“) und „Emma“ traf.  Zusammen gingen wir zur Monatsrüste in den Dom.  Dort gab es ein Wiedersehen mit PW (Friedrich Franz Wellingerhof),

Landesjugendpastor wellingerhof.jpg Friedrich Franz Wellingerhof

„Kadi“ (Luckow) und vielen weiteren alten Freunden.  Die Monatsrüste gefiel mir sehr gut.  Ein Bekannter von einer Freizeit der Dobbertiner Bruderschaft begleitete mich noch ein Stück des Weges zu meinem neuen „Zuhause“.  Gegen 20.30 Uhr war ich wieder im Lehrlingsheim und begrüßte die Jungen, mit denen ich jetzt zusammenleben soll.  Es sind feine Kerls darunter.  Als sie mir halfen, mein Bett herzurichten, stellte sich heraus, dass sich einer ebenfalls zur Jungen Gemeinde hält: Lothar Goeritz aus Parchim, befreundet mit Jochen Voss von der Dobbertiner Bruderschaft, der auch in Schwerin im Schülerheim lebt.  Er hat mich an dem Bekenntniskreuz, der Anstecknadel mit dem Kreuz auf der Weltkugel, erkannt, das die Glieder der Jungen Gemeinde tragen.“ 

Die Woche über lebe ich im Postlehrlingsheim.  Zum Wochenende fahre ich in der Regel nach Grevesmühlen.

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Webmaster Jürgen Ruszkowski 18jährig in Schwerin (Meckl)

Unser Lehrlingsheim in Schwerin-Görries war früher einmal Dienstvilla des Fliegerhorstkommandanten und liegt abseits, ruhig und idyllisch am Ufer eines Sees.  Mit einem guten Dutzend Lehrlingen wohnen wir hier zusammen mit dem Heimleiterehepaar Trulson.  Fast alle Heimbewohner werden als Fernmeldemonteure („Strippenzieher“) ausgebildet.  Nur Ulrich Fentzahn und ich sind „Paketheber“.  Nach einigen Tagen ziehe ich mit Lothar Goeritz zusammen in ein Zimmer.  Der dritte Bewohner unserer Bude ist Dieter Vierus, überzeugter FDJler und Materialist.  Ich muss mich erst in die neuen Verhältnisse einleben.  Die ersten Tage bei der Post sind hart für mich.  In dieser ersten Zeit bin ich recht niedergeschlagen, aber bald habe ich das Tief überwunden.

Zu Beginn der Ausbildung werde ich zur Schweigepflicht vergattert: Ich habe das Postgeheimnis zu wahren, besonders darf niemandem etwas über die Zensurabteilung erzählt werden, die auch für uns Postbedienstete streng tabu ist.  Alle Post kommt sofort nach der Kastenleerung vor dem Stempeln zu der in einem Seitenflügel untergebrachten von der Stasi verwalteten Zensurstelle.  Wir legen die Säcke dort vor die Tür und bekommen sie irgendwann wieder zurück. - In unserem Jahrgang sind wir ungefähr 20 Lehrlinge, Jungen und Mädchen in meinem Alter.  Zweimal wöchentlich haben wir im Postamt Fachunterricht und allgemeinbildende Fächer in der nahegelegenen Kaufmännischen Kreisberufsschule.  Den Fachunterricht erteilt unser pädagogisch sehr befähigter Ausbildungsleiter Hansen.  In Fachkunde ist die „Allgemeine Dienstanweisung“ Grundlage des Unterrichts.  In „Fachgeographie“ lernen wir die Stationen der Eisenbahnstrecken ganz Deutschlands auswendig: im mecklenburgischen Bereich jede Station, im entfernteren Deutschland alle größeren Städte.  In der allgemeinen Geographie werden die vorhandenen Schulkenntnisse weltweit gründlich aufgefrischt und vertieft.  Die praktische Ausbildung erfolgt in unterschiedlichen Abteilungen.  Zunächst bin ich in der Wertabteilung, in der Einschreiben und Wertbriefe gesondert lückenlos nachgewiesen werden, später in der Zustellung, der Briefsortierung, bei der Bahnpost und im Schalterdienst beschäftigt.

Die Werktage verbringe ich in Schwerin.  Morgens versorge ich mich im Lehrlingsheim selber mit Frühstück.  Mittag- und Abendessen bekomme ich in der Werkküche der Post.  Fast jeden Morgen fahre ich früher los, entweder per Fahrrad oder eine Station mit dem Zug, um vor der Arbeit um 7 Uhr im Dom an der „Morgenwache“, einer zehnminütigen Andacht, teilzunehmen, die wir Jugendlichen der Jungen Gemeinde umschichtig selber stehend vor dem Altar halten.  Zum Abschluss singen wir immer den Choral „Erhalt uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten, es ist ja doch kein andrer nicht, der für uns könnte streiten, denn Du unser Gott alleine.“ 

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Direkt neben dem Markt der Dom in Schwerin

Am Wochenende fahre ich in der Regel nach Grevesmühlen, wo ich sonnabends meistens am Posaunenüben teilnehme und mich ansonsten viel mit Hans Gottschalk treffe, der in Grevesmühlen die Oberschule besucht.

 

grevesmkirchplatzklein.jpg

Kirchplatz mit Gemeindehaus in Grevesmühlen (Meckl)

Die Tagebuchaufzeichnung von Montag, dem 19. Oktober 1950 beschreibt einen Lehrlingsalltag:

„6.30 Uhr aufgestanden.  Mit dem Rad von Görries nach Schwerin.  Berufsschule: Gegenwartskunde, Betriebswirtschaftskunde, Literaturkunde, Fachkunde: Nummernzettel und amtliche Klebezettel; Erdkunde, Streckengeographie. - Essen in der Werkküche.  Zum Postamt, dort Vati getroffen.  Zum Bahnhof und Antrag auf Arbeiterrückfahrkarten geholt, beim Postamt bestätigen lassen.  Mit dem Fahrrad nach Görries ins Heim zurück.  Keiner im Heim, ich komme nicht hinein.  Zum Abendessen nach Schwerin.  Wieder zurück zum Heim.“

Am 27. Juni 1951 notiere ich: 

„Nun bin ich schon ein eingefleischter Postler.  In Schwerin habe ich mich eingelebt.  Die schwerste Zeit der Anpassung an die neuen Lebensumstände habe ich überstanden.  Leider ist Lothar Goeritz nicht mehr bei uns.  Wegen einer Sonderausbildung als Fernmeldemechaniker musste er nach Dresden übersiedeln, mit ihm auch Dieter Vierus.  Der Jugendkreis, den ich zusammen mit Lothar übernommen hatte, ist vollkommen auseinandergeflogen.  Ich hatte es schon vorher kommen sehen, aber PW ließ nicht mit sich reden.  So ein Kreis braucht Zeit, Geduld und ein ganzes Herz.  Wenn die Zeit fehlt, ist es auch mit dem ganzen Herzen vorbei und die Geduld alleine reicht nicht aus.  Meine Hauptaufgabe besteht jetzt darin, für die Berufsschule zu lernen, um ein gutes Abschlusszeugnis zu bekommen.  Das Posaunenblasen hat seit dem ersten öffentlichen Auftreten erhebliche Fortschritte gemacht.  Es muss jedoch noch viel besser werden.  Bis zum Ende der Lehrzeit will ich ein guter Bläser sein.  Im Augenblick steht der Kirchentag in Berlin im Vordergrund.  Hoffentlich klappt alles mit der geplanten Reise.  

Alle Schwierigkeiten, die sich mir in den Weg stellen, will ich überwinden und nur das gesteckte Ziel im Blick haben.“

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Meine Lehrlingskolleginnen in Schwerin

Nachdem wir gut ein Jahr lang in Görries im Lehrlingsheim gewohnt hatten, ziehen die Fernmeldelehrlinge in ein neues Heim um und es kommen im neuen Lehrjahr nur noch Mädchen zur Gelben Post, auch zu uns beiden verbliebenen männlichen Postlehrlingen ins Lehrlingsheim.  Ulrich Fentzahn und ich wohnen jetzt zusammen mit Gisela Clasen (verheiratete Kaude), Doris Krischkowski (Madry), Inge Malcher, Christine Meissner (Blume), Vera Niewalda (Martens), Waltraud Paeper („Pütt“, verheiratete Gleick), Adele Scheffelmeier (Steinhäuser), Helga Wagner (verheiratete Schlichting), Ruth Wildner und Christel Winkel (genannt „Chrischan“) aus Grevesmühlen. 

Einige Zeit später beansprucht die sowjetische Rote Armee unser Haus in Görries und stellt uns stattdessen in der Schlossgartenallee, wo sie ein großes Areal von beschlagnahmten Villen räumt, ein Gebäude zur Verfügung. 

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Lehrlingsheim in  der Schlossgartenallee

Hier wohnen wir noch schöner, weil dichter an der Stadt.  Vor unserem Hause vorbei führt die Straßenbahnlinie zur Innenstadt.  Obwohl eine Fahrt nur 20 Pfennig kostet, fahre ich bei gutem  Wetter immer mit dem Fahrrad.

Post-Lehrlingsheim schlosal.jpg Schlossgartenallee

Eine weitere Notiz aus dem Tagebuch:

„Im August 1951 war ich drei Wochen in Sternberg.  Mit drei Mann leiteten wir ein Ferienlager der Post für Kollegenkinder.  Dies war eine gute Erholung für mich.  Außerdem habe ich im Umgang mit den Kindern eine Menge dazugelernt.  In zwei Wochen ist das erste Lehrjahr herum.  Die Zeit fliegt dahin, dass ich kaum merke, wo sie bleibt.“

24. Oktober 1951:  „Ich bin zur Zeit in der Bahnpost eingesetzt, eine Arbeit, die mir großen Spaß macht.  Normalerweise fahre ich bis Neubrandenburg mit und steige dann in den Gegenzug zurück nach Schwerin.  Einmal blieb ich bis Pasewalk, um im selben Zug auch wieder zurück zu fahren.“

Im Bahnpostwagen Schwerin-Pasewalk

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Damals wird alle Brief- und Paketpost in Deutschland noch überwiegend mit der Bahnpost befördert und im Bahnpostwagen von Hand sortiert. Hinter den vier Personen (rechts Jürgen Ruszkowski) sieht man die Sortierfächer.

Krankheit                   

Eines Tages im Winter ziehe ich mir nach einer Radfahrt von Schwerin nach Grevesmühlen bei schlechtem Wetter eine deftige Erkältung zu und erkranke an einer feuchten Rippenfellentzündung.  Monatelanger Krankenhausaufenthalt in Grevesmühlen, ständig erhöhte Temperatur, mehrmals Punktierungen des Exsudats aus dem Rippenfell.  Mit knapper Not überstehe ich die Krankheit.  Eine Kur in Friedrichroda im Thüringer Wald wird mir gewährt.  Nach sieben langen Monaten bin ich endlich soweit, dass ich wieder arbeiten kann.  Welch eine Freude!  Die Kollegen, mit denen ich zusammen gelernt habe, haben zwar schon die Lehrabschlussprüfung hinter sich und verdienen volles Geld.  Ich muss wegen der Krankheitsausfälle noch ein Jahr länger lernen.  Aber das ist alles nicht so schlimm.  Ich bin ja wieder gesund und werde das Verlorene schon nachholen - denke ich.  Plötzlich: Mittelohrentzündung - spezifisch?  Offenbar eine Folge der Rippenfellerkrankung!  Wieder Klinik und Penicillin-Kur, aber kein Erfolg.  Eines Tages bemerke ich am Oberschenkel eine Geschwulst: Es wird wohl ein Furunkel sein?  Vierzehn Tage später dasselbe am Brustbein: eine große, erst feste, dann weicher werdende Beule.  Die Ärzte diagnostizieren eine tuberkulöse Entzündung als Folge der tückischen Rippenfellentzündung.  Tuberkulose gilt noch als fast unheilbare Krankheit.  Ist es eine Knochen- oder Lymphdrüsen-Tbc?  Die Lunge scheint nicht betroffen zu sein.  Wieder Krankenhaus, Heilstättenaufenthalt?  Und der Beruf?  Es gelingt mir, die Ärzte zu überzeugen, dass ich erst einmal die Lehre abschließen müsse, ehe ich für längere Zeit aus dem Ausbildungs- und Arbeitsprozess ausscheide.

Warum? - so frage ich mich.  Weshalb muss das alles sein?  Gesund und froh führe ich meine Arbeit aus.  Wenn auch einmal etwas schief geht, so bin ich doch glücklich, habe meine Pläne, dass ich so schnell wie möglich zur Erreichung meiner mir gesteckten Ziele vorwärts komme.  Dann plötzlich diese schwere Erkrankung!  Ein Fingerzeig Gottes?

Im Januar 1953 werde ich volljährig.  Während die Volljährigkeitsgrenze in Westdeutschland noch lange Jahre bei der Vollendung des 21. Lebensjahres liegt, wird sie von der DDR schon früh auf das vollendete 18. Lebensjahr herabgesetzt.  Als ich dann einige Monate später in den Westen fliehe, bleibt für uns junge DDR-Flüchtlinge die bereits erreichte Volljährigkeit in Kraft.

Es ist Mitte Mai 1953.  Ende Juni soll die Lehrabschlussprüfung stattfinden.  Da kommt ein neues, nicht eingeplantes Hindernis: Der Kirchenkampf spitzt sich zu.  Die evangelische Jugend Junge Gemeinde, gegen Pastoren und Hausväter diakonischer Einrichtungen.  In Nr. 106 der „Ostsee-Zeitung“ vom 7. Mai 1953 hetzt man gegen den Grevesmühlener Pastor Lietz.  In dem Zeitungsartikel wird die Junge Gemeinde als „Spionageorganisation“ und „faschistische Mordorganisation“ bezeichnet.  Auf derselben Seite dieser Zeitung heißt es unter der Überschrift:  innerhalb der DDR wird vom atheistischen Staat als Feind betrachtet und soll ausgeschaltet werden.  Unsere Treffen, die stark bibelzentriert stattfinden, werden von Stasileuten besucht und beschattet.  Man will uns mürbe machen.  In der FDJ-Zeitung „Junge Welt“, aber auch in der „Ostsee-Zeitung“ im Bezirk Rostock erscheinen Anfang Mai 1953 fast täglich Hetzartikel gegen die

„Jugendliche wollen sich nicht missbrauchen lassen

Grevesmühlen.  Immer mehr erkennen die jungen Menschen, dass sie in der Spionageorganisation „Junge Gemeinde“ nichts zu suchen haben.  So erklärt uns die Oberschülerin Erika Beier: „Ich habe in der „Jungen Welt“ gelesen und erkläre hiermit, dass ich aus der „Jungen Gemeinde“ austrete.  Die Jugendfreundin Christa Hecht bemerkt: „Ich bin seit 1952 in der „Jungen Gemeinde“ gewesen.  Nachdem ich ihre schändliche Arbeit zur Kenntnis genommen habe, erkläre ich hiermit meinen Austritt aus der „Jungen Gemeinde“.  Ähnlich äußerten sich ...“ 

Und so geht es weiter. - Solche erpressten Abwendungsbekenntnisse erscheinen fast täglich in den DDR-Zeitungen.  Auf dem flachen Lande und in den kleineren Städten werden zuerst die christlichen Schüler aus den Oberschulen verwiesen, soweit sie nicht bereit sind, sich öffentlich von der Kirche loszusagen.  Mein Freund Hans Gottschalk ist bereits kurz vor dem Abitur aus der Oberschule entlassen worden.  Noch hält sich die Betriebsleitung bei der Deutschen Post in Schwerin zurück, doch bald wächst der Druck auf sie, und unseren Ausbildern bleibt keine Wahl: Man muss etwas gegen uns unternehmen.  Mehrere Kolleginnen und ich, von denen bekannt ist, dass wir uns zur halten, werden am 13. Mai in Anwesenheit der Ausbilder Hansen, Gerth und Meltz und des Lehrlingsheimleiters Trulson zu einer Besprechung in den Kulturraum des Postamtes zusammengerufen und aufgefordert, eine Resolution zu unterschreiben, in der wir die Junge Gemeinde als „Tarnorganisation der westlichen Imperialisten“ erkennen und uns verpflichten, „deren Machenschaften zu verabscheuen und zu verurteilen“.  Solche „Resolutionen“ aus Schulen und Betrieben findet man ja zu der Zeit fast täglich in den Zeitungen.  Die Kolleginnen bringt man alle dazu, zu unterschreiben.  Ich weigere mich.  Damit ist meine Zukunft besiegelt!  Eine berufliche Zukunft bei der Post gibt es nicht mehr.  Die will ich ohnehin nicht, denn für mich steht sowieso fest, dass ich Diakon werden will.  Dafür benötigte ich jedoch zuvor eine abgeschlossene Berufsausbildung.  Aber mit meiner Erkrankung ist mir auch die Diakonenausbildung verbaut.  Für uns Christen in der DDR gilt die Devise: Trotz Verfolgung durch die staatlichen Organe: Ausharren!  Keine Flucht in den Westen.  Aber welche Perspektiven habe ich in meinem Fall?  Ich wollte nach dem Abschluss der Lehre bei der Post nach Neinstedt im Harz in die Diakonenausbildung gehen, aber die Neinstedter Anstalten sind kurz zuvor verstaatlicht worden.  Hinzu kommt, dass mir bekannt geworden ist, dass im Westen die ersten erfolgversprechenden Medikamente gegen die Tbc auf den Markt gekommen sind.  Ich fahre sofort nach Grevesmühlen, um die Lage mit meinen Eltern zu besprechen.  Mein Vater ist empört.  Er verlangt, dass ich mich anpasse, unterschreibe.  Er ist persönlicher Kraftfahrer des Genossen Vorsitzenden des Rates des Kreises (früher sagte man Landrat). Dieser hatte ihn ohnehin schon mit der kritischen Bemerkung konfrontiert, es sei für einen Parteigenossen ehrenrührig, einen „Kugelkreuzler“ als Sohn zu haben.  „Ihr sollt Gott mehr gehorchen als den Menschen.“  Das Familienklima ist gespannt.  Mutter rät mir zu, in den Westen zu gehen.  Ich habe innerhalb weniger Stunden einen inneren Kampf auszufechten. 


go west

Am frühen Morgen des 14. Mai 1953 steige ich mit nur einer Aktentasche als unauffälligem Gepäck in Grevesmühlen in den Zug, um auf dem Umweg über Neubrandenburg nach Berlin zu fahren.  Die Zonengrenze ist undurchlässig.  Nur das Schlupfloch Berlin ist noch geblieben.  Dort kann man noch ungehindert mit der S-Bahn oder zu Fuß die Sektorengrenze überqueren.  Aber rings um Groß-Berlin herum hat die Volkspolizei einen Kontrollring gelegt.  Viele fluchtverdächtige Reisende werden aus den Zügen geholt und nach Verhören zurückgeschickt.  Falls es in meinem Falle zu einer Kontrolle kommen sollte, will ich zu einer Familienfeier, einer „Silberhochzeit“ zu Verwandten, zur Tante Toni Seth, in Berlin-Treptow.  Ein „Geschenk“ habe ich in der Aktentasche, sonst nur Wasch- und Rasierzeug, nichts was auf eine Flucht hindeuten könnte.  Ich komme aber ungehindert nach Berlin hinein und mit Herzklopfen mit der S-Bahn auch in den Westsektor.  Hier begebe ich mich nach Tempelhof, wo seit Jahren Ulla Schiele, geborene Feilke, mit ihrem Mann wohnt.  Dort bleibe ich die erste Nacht.  Am nächsten Morgen suche ich die kirchliche Beratungsstelle für junge Flüchtlinge aus der DDR auf, deren Adresse ich im Kopf habe.  Ich werde aufgefordert, mir mein Vorhaben doch noch einmal gründlich zu überlegen, es könnten doch nicht alle weglaufen, was solle dann aus der Kirche in der DDR werden.  Dafür hatte ich die Reise nach Berlin nun doch nicht auf mich genommen.  Ich habe mich fest entschieden und bin mir meiner Sache sicher.  So nennt man mir die Anschrift der Kontaktbehörde.  In diesen Wochen und Monaten kommen täglich tausend oder gar mehrere tausend Menschen über Berlin in den Westen.  Ein großer Exodus lässt die DDR ausbluten, bis Ulbricht am 13. August 1961 die Mauer bauen lässt.  Auf dem Messegelände am Funkturm sind in den großen Ausstellungshallen riesige Auffangbüros eingerichtet worden.  Ich kenne das Gelände noch vom Kirchentag in Berlin 1951 her.  Vor zwei Jahren war ich hier gewesen.  So beantrage ich nun die „Notaufnahme“.  Ich bekomme einen „Laufzettel“.  Es beginnt das Stempelsammeln: Einer vom amerikanischen Dienst, der nächste vom britischen, der dritte vom französischen, der vierte von einer ärztlichen Dienststelle.  Ich werde Inhaber eines Gesundheitspasses für Flüchtlinge.  Die ärztliche Untersuchung ist gründlich und bewirkt sofort, dass ich in ein Krankenhaus nach Tegel eingewiesen werde. 

Während meines Aufenthaltes in Berlin werden in der DDR plötzlich die straff angezogenen Zügel wieder gelockert: Der „Neue Kurs“ wird eingeläutet, gemäss dem Motto: Vom großen Bruder lernen.  So etwas gab es in den zwanziger Jahren auch bereits einmal in der Sowjetunion: Die NEP, die „Neue ökonomische Politik“.  Die Verfolgung der Kirche wird abgeblasen, einige Maßnahmen rückgängig gemacht.  Die von den Oberschulen verwiesenen christlichen Abiturienten können ihr Abitur nachholen.  War also meine Flucht umsonst?  Im Hinblick auf meine Heilungschancen durch die neuen Medikamente im Westen war mein Entschluss der einzig richtige.  So bleibe ich, bekomme einen provisorischen Personalausweis der Stadt Berlin und werde am 13. Juni 1953 mit anderen jungen Flüchtlingen von Berlin nach Hannover ausgeflogen und am selben Tage per Autobus in das Durchgangslager Sandbostel gebracht.  Das Lager Sandbostel im Moor bei Bremervörde hatte zur NS-Zeit als Häftlingslager gedient.  Auf der Latrine empfangen mich Sprüche wie: „Erst wenn du in der Fremde bist, weißt du, wie schön die Heimat ist.“  Hier bricht eine Epidemie aus: Typhus oder dergleichen.  Auch ich werde nicht verschont, überstehe es aber schnell.  Eine Quarantäne schließt sich an.  Nach drei Tagen Lageraufenthalt dringen aufregende Meldungen an unsere Ohren:  Die Bauarbeiter der Stalinallee in Ostberlin fühlen sich durch den Neuen Kurs ermutigt und protestieren gegen die hohen Arbeitsnormen.  Daraus entwickelt sich ein Volksaufstand, der auch auf andere Städte in der DDR übergreift.  Auch in Schwerin gibt es Proteste.  Wir kommen kaum noch von den Lautsprechern weg.  Die Russen setzen Panzer ein und wälzen die „von Westagenten angezettelte Konterrevolution“ brutal nieder. 

Stukenbrock

Drei Wochen später werde ich an das Land Nordrhein Westfalen übergeben.  Man bringt uns, wieder per Bus, in das Lager Stukenbrock in der Senne, einer Heidelandschaft zwischen Bielefeld und Paderborn.  Auch hier werden mir noch drei Wochen Quarantäne auferlegt.  Ich komme wieder ins Krankenrevier und finde hier meinen gesundheitlichen Retter.  Der Lagerarzt legt mir die neu auf dem Markt befindlichen Tabletten „Neoteben“ gegen die Tuberkulose in die offenen Wunden am Hals und am Oberschenkel.  Nach einigen Wochen beginnen die Wunden langsam zuzuwachsen. 

Auch dieses Lager hatte bereits zur NS-Zeit als Gefangenenlager gedient.  Ein riesiger benachbarter Russenfriedhof erinnert noch heute an diese Zeit.  In der Nähe des Lagers befindet sich ein großer Truppenübungsplatz der Britischen Rheinarmee.  An das halbe Jahr in der Senne denke ich gerne zurück!  Mit den etwa gleichaltrigen anderen jungen Flüchtlingen unternehme ich in diesem Sommer und Herbst ausgiebige Wanderungen durch das Heidegebiet zur Emsquelle und über den Truppenübungsplatz und durch den Teutoburger Wald zum Hermannsdenkmal.  In der Bastelstube produzieren wir Laubsägearbeiten.  Nach und nach schickt mir meine Mutter einen großen Teil meiner in Schwerin und Grevesmühlen zurückgelassenen Sachen: Bücher, Wäsche und andere Kleidungsstücke.  Das Sozialamt in Paderborn bewilligt mir ein Paar neue Schuhe...


Weinige Jahre nach der Wende trafen wir damaligen Postlehrlinge uns nach vier Jahrzehnten in Schwerin-Zippendorf wieder. Es war für mich ein denkwürdiges Wiedersehen. Auch das Ehepaar Trulson, damals in den 1950er Jahren mit der Leitung des Lehrlingsheims betraut, war wieder dabei.


 

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